Gedanken zur bevorstehenden Bürgermeisterwahl

Die Glaubwürdigkeit der Politik lebt von Klarheit, Verlässlichkeit und Haltung. Wenn politische Akteure über Jahre hinweg deutliche Kritik an einer Person üben – und diese dann plötzlich im entscheidenden Moment unterstützen oder zumindest keine eigene Alternative bieten –, entsteht bei vielen Bürgerinnen und Bürgern der Eindruck von Beliebigkeit. Genau dieser Eindruck droht nun in Schwentinental.

Dort haben die örtlichen Vertreter von CDU, SWG und Bündnis 90/Die Grünen den amtierenden Bürgermeister Thomas Hass wiederholt und teils scharf für seine Amtsführung kritisiert. Inhaltlich ging es dabei um Stilfragen, Entscheidungsprozesse und die strategische Ausrichtung der Stadtpolitik. Die Vorwürfe waren öffentlich, deutlich formuliert und nicht selten grundsätzlicher Natur.

Umso größer ist nun die Irritation, dass ausgerechnet diese politischen Kräfte den Bürgermeister bei der anstehenden Wahl erneut unterstützen wollen.

Widerspruch zwischen Wort und Tat

Politische Kritik ist legitim und notwendig. Sie ist Ausdruck demokratischer Kontrolle und soll Missstände aufzeigen. Wenn jedoch jahrelange Kritik ohne erkennbare inhaltliche Neubewertung in eine Wahlempfehlung mündet, entsteht ein Bruch zwischen Wort und Tat. Für viele Bürger stellt sich dann die Frage: War die Kritik ernst gemeint – oder war sie nur Teil parteipolitischer Auseinandersetzungen?

Solche Kehrtwenden wirken taktisch motiviert. Sie nähren den Verdacht, dass es weniger um Inhalte als um Machtkonstellationen, strategische Bündnisse oder persönliche Absprachen geht. Selbst wenn es sachliche Gründe für die Unterstützung geben sollte, wurden diese bislang offenbar nicht überzeugend kommuniziert. Das Problem liegt damit nicht nur in der Entscheidung selbst, sondern auch in ihrer Erklärung.

Schaden für die politische Kultur

Ein solches Verhalten kann weitreichende Folgen haben. Politik lebt vom Vertrauen. Wenn Bürgerinnen und Bürger den Eindruck gewinnen, Positionen seien austauschbar und Kritik werde je nach Opportunität relativiert, leidet die Glaubwürdigkeit des gesamten politischen Systems – nicht nur einzelner Akteure.

Gerade auf kommunaler Ebene, wo politische Entscheidungen besonders nah am Alltag der Menschen sind, erwarten viele Wähler Transparenz und Konsistenz. Kommunalpolitik ist weniger ideologisch geprägt als die große Bundespolitik; sie basiert stark auf persönlichem Vertrauen. Wird dieses Vertrauen erschüttert, wirkt sich das unmittelbar auf die Wahlbeteiligung und das Engagement vor Ort aus.

Nährboden für Politikverdrossenheit

Solche Widersprüche fördern Politikverdrossenheit. Wer den Eindruck hat, dass politische Kritik und politische Unterstützung beliebig austauschbar sind, wendet sich möglicherweise ganz von der etablierten Politik ab. Besonders problematisch ist dies in einer Zeit, in der demokratische Institutionen ohnehin unter Druck stehen.

Die Enttäuschung über inkonsistentes Verhalten kann dazu führen, dass Wählerinnen und Wähler sich entweder resigniert zurückziehen – oder gezielt Parteien unterstützen, die sich als radikale Alternative zum „politischen Establishment“ präsentieren. Damit gerät die politische Mitte unter Druck. Wenn Mitte-Parteien ihre Glaubwürdigkeit verlieren, profitieren häufig die politischen Ränder.

Verantwortung der handelnden Akteure

Selbstverständlich können politische Bewertungen sich ändern. Neue Entwicklungen, veränderte Rahmenbedingungen oder persönliche Gespräche können zu einer Neubewertung führen. Doch dann braucht es Transparenz. Es braucht eine nachvollziehbare Erklärung, warum frühere Kritik heute nicht mehr gilt oder warum sie hinter anderen Erwägungen zurücktritt.

Ohne diese Offenheit entsteht der Eindruck eines taktischen Manövers – und genau das beschädigt die politische Kultur.

In Schwentinental steht daher nicht nur die Frage im Raum, wer Bürgermeister bleibt oder wird. Es geht auch um die Frage, wie glaubwürdig Politik vor Ort wahrgenommen wird. Die Entscheidung von CDU, SWG und Grünen mag strategisch begründet sein. Doch wenn sie nicht überzeugend erklärt wird, könnte der Preis hoch sein: schwindendes Vertrauen, wachsende Politikverdrossenheit – und eine weitere Erosion der politischen Mitte.